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02.12.2021

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Schub für mehr Gerechtigkeit im Wissenschaftssystem

Ministerin Schüle mit Preisträgern und Juryvorsitzenden Prof. Günter Stock
Ministerin Schüle mit Preisträgern und Juryvorsitzenden Prof. Günter Stock

Wissenschaftsministerin Dr. Manja Schüle hat heute in Potsdam die Zwischenergebnisse des Dialogprozesses ‘Gute Arbeit in der Wissenschaft‘ präsentiert und anschließend die diesjährigen Postdoc-Preise des Landes Brandenburg an Dr. Björn Sörgel vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und Dr. Matthias Hartlieb von der Universität Potsdam verliehen.

Ministerin Schüle betonte bei der Präsentation der Zwischenergebnisse des Dialogprozesses die Bedeutung guter Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft:

„Der Hashtag #IchbinHanna mit seinen fast 100.000 vielstimmigen Tweets seit Juni steht für berechtigten Frust und verständliche Sorgen: teils 90 Prozent Befristete in Teilbereichen der Wissenschaft, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, überholte Lehrstrukturen. Der Hashtag ist neu, die Debatte um gute Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft ist es nicht. Deswegen haben wir in Brandenburg als nur eines von drei Bundesländern bereits 2020 einen offenen Dialogprozess gestartet. Wir wollen prüfen, wie wir die Arbeitsbedingungen in den Hochschulen – etwa bei der Karriereplanung und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie – weiter verbessern und die Zahl unbefristeter Stellen erhöhen können. Mir ist wichtig: Wir machen diesen Prozess nicht Top-down, sondern wir binden alle Beteiligten ein und entwickeln gemeinsam Lösungen. Ich bin froh, dass wir bei diesem Prozess nicht bei null starten: So bieten wir den Hochschulen beispielsweise Anreize für die Einrichtung von Dauerstellen und stellen dafür rund drei Millionen Euro bereit. Und ich bin froh, dass es uns in den Koalitionsverhandlungen des Bundes gelungen ist durchzusetzen, das Wissenschaftszeitvertragsgesetz zu reformieren, Vertragslaufzeiten anzupassen, Karrierewege jenseits der Professur durch ein Bund-und-Länder-Programm zu fördern und Bewegung in den Zukunftsvertrag zu bringen – also die Grundfinanzierung der Hochschulen sicher anzuheben. Ich bin überzeugt: Starke Wissenschaft und Forschung sind die Garanten für Wohlstand, Lebensqualität, sozialen Zusammenhalt und eine nachhaltige Gesellschaft. Dafür brauchen wir auch künftig exzellente Forscherinnen und Wissenschaftler in Brandenburg, dafür brauchen wir bestmögliche Arbeitsbedingungen und verlässliche Karrierewege in der Wissenschaft.“

Im Anschluss gratulierte Ministerin Schüle den beiden Postdoc-Preisträgern:

„Die Bewerbungen für den Postdoc-Preis zeigen einmal mehr die enormen Forschungspotenziale junger Frauen und Männer in unserem Land. Auch und gerade für sie führen wir übrigens den Dialogprozess – weil sie eindrucksvoll belegen, dass sie eben weder wissenschaftliche ‘Hilfskraft‘ noch ‘Nachwuchs‘ sind. Sie sind vielfach das Fundament der Einrichtungen, sie stehen für Exzellenz, sie sind die Zukunft. Deswegen gibt es bei uns auch einen Postdoc- statt einem Nachwuchs-Preis. Und deswegen gehört die Auszeichnung auch zu den am höchsten dotierten Wissenschaftspreisen für junge Wissenschaftler*innen in Deutschland“, so Schüle. „Die Jury hat aus einer Vielzahl herausragender Arbeiten die Besten ausgewählt: Björn Sörgel geht in seiner Arbeit der Frage nach, wie eine zukunftssichernde Klimapolitik zugleich sozialer Armut entgegenwirken kann – und Matthias Hartlieb bereitet mit seiner Forschung zu antimikrobieller Resistenz die Zukunft neuer Medikamente jenseits von Antibiotika vor. Beides topaktuelle Themen von hoher gesellschaftlicher Relevanz – und damit das absolute Gegenteil von Elfenbeinturm-Forschung. Dafür bekommen beide absolut verdient den Preis und profitieren künftig auch von der Spitzenförderung unseres Postdoc-Networks. Mit der Auszeichnung von herausragenden Forscher*innen und ihrer Förderung in einem bundesweit einzigartigen Netzwerk zur Karriereentwicklung wollen wir die klügsten Köpfe für Brandenburg gewinnen. Denn hier wird Zukunft gestaltet.“

Ziel des 2020 gestarteten Dialogprozesses ‘Gute Arbeit in der Wissenschaft‘ ist es, gemeinsam mit allen betroffenen Gruppen die derzeitigen Beschäftigungsbedingungen in den Hochschulen zu analysieren und im Anschluss gemeinsam Empfehlungen, Vorschläge und Ideen zu entwickeln, wie vorhandene Probleme gelöst oder vielversprechende Entwicklungen weiterentwickelt werden können. Dabei geht es unter anderem um die Schaffung von Dauerstellen für jüngere Wissenschaftler*innen sowie um die gemeinsame Definition von Merkmalen ‘Guter Arbeit‘ in der Wissenschaft, wie etwa die Vereinbarkeit von wissenschaftlicher Tätigkeit und Familie oder die bessere Planbarkeit von wissenschaftlichen Karrierewegen. Die Zwischenergebnisse wurden heute präsentiert und diskutiert, die abschließenden Ergebnisse des insgesamt zweijährigen Prozesses sollen in Form eines Abschlussdokuments präsentiert werden und in die Novelle des Hochschulgesetzes einfließen. Am Dialogprozess nehmen alle entscheidenden Akteure teil, darunter die Personalvertretungen an den Hochschulen, die Gewerkschaften an den Hochschulen, das Bündnis ‘Frist ist Frust‘, die Brandenburgische Studierendenvertretung (BrandStuVe), die Leitungen aller staatlichen Hochschulen, die Landeskonferenz der Gleichstellungsbeauftragten, die Hauptschwerbehindertenvertretung, Vertreter*innen der Hochschullehrkräfte sowie Vertreter*innen des Wissenschaftsministeriums.

Mit den Postdoc-Preisen würdigt das Land zum 15. Mal herausragende Forschungsleistungen promovierter Wissenschaftler*innen an den Hochschulen und den außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Brandenburg. Der Preis wird in den Kategorien Geistes- und Sozialwissenschaften sowie Natur- und Ingenieurwissenschaften vergeben und ist mit jeweils 20.000 Euro dotiert. Eine Hälfte des Preisgeldes erhalten die Gewinner zur freien Verfügung, mit der anderen Hälfte werden wissenschaftliche Projekte der Preisträger gefördert. Sie werden zudem Fellows des ‘Postdoc Network Brandenburg‘ und profitieren von den Förderangeboten des 2018 gegründeten Netzwerkes für die Karriereentwicklung promovierter Wissenschaftler*innen. Die Entscheidung über die Preisträger*innen traf auch in diesem Jahr wieder eine Jury aus zehn Wissenschaftler*innen der Brandenburger Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen unter Vorsitz von Prof. Günter Stock, dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Einstein Stiftung Berlin.

 

Den Postdoc-Preis 2021 in der Kategorie Geistes- und Sozialwissenschaften erhält Dr. Björn Sörgel vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Er studierte Physik und Astronomie in München sowie in La Laguna und promovierte 2018 am King’s College der Universität Cambridge. Seit 2018 ist er Postdoctoral Researcher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. In seiner mit dem Postdoc-Preis ausgezeichneten Publikation ‘Combining ambitious climate policies with efforts to eradicate poverty‘, die in der Fachzeitschrift ‘Nature Communications‘ erschienen ist, beschäftigt sich Björn Sörgel mit einem der dringendsten Probleme im 21. Jahrhundert: Er fragt nach der Vereinbarkeit der Umsetzung der Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen, vor allem der Ausrottung der extremen Armut bei der gleichzeitigen Umsetzung ambitionierter Klimaziele. Die Studie quantifiziert die Effekte der Klimapolitik, etwa durch die Bepreisung des CO2-Ausstoßes, auf die weltweite Armut. Sie zeigt, dass eine Kombination aus Emissionspreisen, progressiver Umverteilung der aus diesen Emissionspreisen erwachsenen Einnahmen und der internationalen Klimafinanzierung nicht nur negative Nebeneffekte vermeiden, sondern sogar zu einer Synergie zwischen Klimaschutz und Beseitigung der Armut führen könnte. Die Arbeit bietet einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung globaler Klima- und Entwicklungspolitik und belegt, dass der vermeintliche Widerspruch zwischen beiden erfolgreich aufgelöst werden kann.

 

Den Postdoc-Preis in der Kategorie Natur- und Ingenieurwissenschaften erhält Dr. Matthias Hartlieb von der Universität Potsdam. Er studierte Chemie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und promovierte 2015 dort. Anschließend war er als Postdoctoral Researcher an der University Warwick sowie dem Helmholtz-Zentrum-Geesthacht und der Universität Potsdam tätig. Seit Januar 2021 ist er Gruppenleiter einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen des Emmy Noether-Programms geförderten Nachwuchsforscherguppe der Universität Potsdam. In seiner mit dem Postdoc-Preis ausgezeichneten Arbeit ‘Impact of Multivalence and Self-Assembly in the Design of Polymeric Antimicrobial Peptide Mimics‘ beschäftigt sich Matthias Hartlieb mit dem Problem antimikrobieller Resistenzen. Aufgrund des jahrzehntelangen Missbrauchs von Antibiotika steigt die Anzahl der antibiotikaresistenten Keime stetig an. Die Arbeit stellt die Frage, ob es möglich ist, durch gezielte Variation selektivere Polymere herzustellen, die besser für die Behandlung von bakteriellen Infektionen geeignet sind und somit Funktionen von Antibiotika übernehmen könnten. Die Arbeit untersucht ein gesellschaftlich hoch relevantes Feld, da die Resistenzen gegen Antibiotika massive Probleme der Gesundheitsversorgung zur Folge haben. Die Erforschung von Alternativen ist ein entscheidender Beitrag, um auch in Zukunft flächendeckende und effiziente Behandlung bakterieller Erkrankungen gewährleisten zu können.