„Deutsche Täter und Helfer im Osmanischen Reich“
- Erschienen am - PresemitteilungBrandenburgs Kultur- und Wissenschaftsministerin Dr. Manja Schüle, der Botschafter der Republik Armenien in der Bundesrepublik Deutschland, S. E. Viktor Yengibaryan, und der Leiter des Lepsiushauses, Dr. Roy Knocke, haben heute im Lepsiushaus in Potsdam ein Memorandum zur Fortführung des Forschungsprojekts „Deutsche Täter und Helfer im Osmanischen Reich: Erinnerungen und Erzählungen in armenischsprachigen Quellen / aus armenischer Perspektive“ unterzeichnet. Das Forschungsprojekt des Lepsiushauses wird vom Land Brandenburg und von der Republik Armenien in den Jahren 2026 und 2027 mit insgesamt 30.000 Euro gefördert. Es soll in ein Buch münden, das auch im Schulunterricht genutzt werden kann.
Kultur- und Wissenschaftsministerin Dr. Manja Schüle:
„Aus Potsdam verschickte Johannes Lepsius 1916 seinen aufrüttelnden Bericht über die systematischen Vertreibungen, Todesmärsche und Massaker, denen die armenische Bevölkerung im Osmanischen Reich ab April 1915 ausgesetzt war. Sein Einsatz für die Sache der Armenier wurde später in Franz Werfels Epochenroman ‚Die vierzig Tage des Musa Dagh‘ literarisch verewigt – schon damals war dort vom ‚Gift Nationalismus‘, das die Völker gegeneinander aufhetzt, die Rede. Eine prophetische Passage. Und von bedrängender Aktualität. Die weltweiten Krisen und Kriege machen deutlich, wie wichtig unser gemeinsames Forschungsprojekt mit Armenien ist. Wir brauchen Aufklärung, faktenbasierte Wahrheiten, die Erforschung authentischer Quellen. Als Bollwerk gegen Fake News, neuerlichen Nationalismus, Ausgrenzung und entgleisende Regimes. Ich bin überzeugt: Die offene Aufarbeitung und Dokumentation historischer Verbrechen und das Gedenken an die Opfer können Verständigung und Versöhnung zwischen Menschen und Völkern voranbringen. Ich freue mich, dass wir im Jahr des 100. Todestages von Johannes Lepsius die erfolgreiche Forschungskooperation mit der Republik Armenien fortsetzen können.“
Der Botschafter der Republik Armenien in der Bundesrepublik Deutschland, S. E. Viktor Yengibaryan:
„Die Aufarbeitung der Geschichte ist von großer Bedeutung. Sie hilft uns, die dunklen und unmenschlichen Kapitel der Vergangenheit offen zu benennen, daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen und so ihrer Wiederholung vorzubeugen. Zugleich setzen solche Forschungen auch die Geschichten jener Menschen ins Licht, die dem armenischen Volk in seiner existenziellen Not mit Mitgefühl, Mut und tatkräftiger Hilfe zur Seite standen, eindrucksvolle Beispiele für Humanität, Lebensrettung und die Bewahrung menschlicher Würde. Dieses Forschungsprojekt und seine Förderung sind Teil der wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Armenien und Deutschland. Im Dezember des vergangenen Jahres haben der Premierminister der Republik Armenien und der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland ein Abkommen zur strategischen Agenda der bilateralen Zusammenarbeit unterzeichnet, das neben anderen wichtigen Bereichen auch die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern besonders hervorhebt.“
Dr. Roy Knocke, Leiter des Lepsiushauses:
„Das Lepsiushaus Potsdam ist seit 15 Jahren geöffnet. Seitdem hat es wesentlich zur Forschung über den Genozid an den Armeniern und der Geschichte des Humanitarismus um 1900 beigetragen und diese Erkenntnisse auch durch politische Bildungsarbeit in die Gesellschaft getragen. Die Geschichte von Johannes Lepsius und seinen Netzwerken ist nicht nur eine Chronik zivilgesellschaftlichen Engagements aus Brandenburg während des Ersten Weltkrieges, sondern auch eine Einübung darin, aus vergangenen Erfahrungen Muster, Ursachen und Konsequenzen zu erkennen, um die Gegenwart besser zu verstehen und die Zukunft bewusster zu gestalten. Gerade in Zeiten der Desinformation und des Neoimperialismus. Ich freue mich, dass wir mit einer erneuten Förderung durch das brandenburgische Wissenschafts- und Kulturministerium und der Republik Armenien die wissenschaftliche Arbeit länderübergreifend fortführen können.“
Das 2011 eröffnete Lepsiushaus ist eine Forschungs- und Begegnungsstätte in Potsdam, die insbesondere zur Biografie von Johannes Lepsius, zum Leben der Armenierinnen und Armenier im Osmanischen Reich sowie zum Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg arbeitet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Haus bis Anfang der 1990er Jahre von der sowjetischen Armee als Militärkasse genutzt. Heute ist es Eigentum der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg und steht dem Förderverein Lepsiushaus Potsdam e.V. zur langfristigen Nutzung zur Verfügung. Es befindet sich in der ehemaligen Villa des protestantischen Theologen und Menschenrechtlers Johannes Lepsius (1858–1926). Das Wissenschafts- und Kulturministerium unterstützt das Lepsiushaus mit jährlich 45.000 Euro. Zudem fördert das Ministerium auf der Grundlage von Memoranden seit 2020 Forschungsprojekte zur wissenschaftlichen Aufarbeitung einer der ersten systematischen Genozide des 20. Jahrhunderts und zur Stärkung der länderübergreifenden Zusammenarbeit zwischen Brandenburg und Armenien.
Der Theologe Johannes Lepsius verschickte im Sommer 1916 von seinem Haus in Potsdam mehr als 20.000 Exemplare seines „Berichts über die Lage des armenischen Volkes in der Türkei“ unter anderem an die Abgeordneten des Reichstages, des württembergischen Landtages, an evangelische Pfarrhäuser und an deutsche Tageszeitungen. Er widersetzte sich damit der Reichsregierung, die es mit Rücksicht auf ihren Weltkriegsverbündeten Osmanisches Reich zur nationalen Pflicht erklärt hatte, über die Vernichtung der Armenier zu schweigen. Weitere Informationen: www.lepsiushaus.de