Die Küche des Atomzeitalters: Tempoerbsen und Kuko-Reis

"Eigener Herd ist Goldes wert", belehrt uns ein bekanntes Sprichwort. Aber es ist schon sehr alt und gewiß nicht im Hinblick auf das Atomzeitalter, schon gar nicht auf die sozialistische Gesellschaft ersonnen. (...) Am eigenen Herd werden noch sehr viel Zeit und Kraft verkocht, verbacken und verbraten, die man fruchtbringender für andere Aufgaben einsetzen könnte.“ Um der modernen Hausfrau den „Strom von untergeordneter, geisttötender Fingerarbeit“ in der Küche zu ersparen, forderte die Enzyklopädie „Unser Haushalt“, die 1964 in der DDR erschien, mehr wohlschmeckende Fertiggerichte. Eines hatte der junge Peter Kretschmer (geb. 1938) am Institut für Getreideverarbeitung Potsdam (später Bergholz-Rehbrücke) gerade erfunden: die Tempo-Erbse. In einem aufwendigen Verfahren wurde das sonst notwendige stundenlange Einweichen und Kochen industriell vorgezogen. Anschließend wurden die Erbsen so schonend wie möglich wieder getrocknet, so dass sie ihre Form behielten. Das Endprodukt war ein entsprechend gewürzter und mit Fleisch angereicherter, in wenigen Minuten fertigzustellender Eintopf, sozusagen eine Weiterentwicklung der Erbswurst.

Als der 20. Jahrestag der DDR näher rückte, suchten die politisch Verantwortlichen landauf, landab nach „Geburtstagsgeschenken“, die die Werktätigen dem Staat machen könnten. Zusätzliche Kosten sollten dadurch möglichst nicht entstehen. Peter Kretschmer hatte gleich vier Produktideen auf Lager. Darunter waren zwei weitere Schnellprodukte, der Kurzkochreis im Kochbeutel und die Instant-Mehrkorn-Babynahrung Mekorna. Außerdem sollten auch die DDRBürger in den Genuss von Cornflakes und Erdnussflips kommen. Umsonst war das freilich nicht zu haben. Am Ende rückte der zuständige Minister für Bezirksgeleitete und Lebensmittelindustrie vier Millionen Valutamark heraus, mit denen man den Produktionsstandort Wurzen umrüstete. Man kam nicht umhin, Maschinen aus dem westlichen Ausland einzukaufen. Die Technologie, die zusätzliche Valuta gekostet hätte, entwickelte Kretschmer mit den Ingenieuren und Arbeitern vor Ort in mühsamer Kleinarbeit selbst.

Zum 20. Jahrestag war alles bereit. Nur mit den Produktionsmengen hatte man sich vertan. Hatten Kretschmer und seine Mitstreiter 800 Tonnen Erdnussflips jährlich geplant, meinten Vertreter des Handels, die Hälfte reiche allemal, weil das Produkt den DDR-Bürgern doch nicht vertraut sei. Sehr bald schon erkannte man den Irrtum. Die Produktion wurde auf 1.600 Tonnen jährlich erhöht, doch „Engerlinge“ aus Wurzen blieben bis zum Ende der DDR Mangelware. Auch heute noch werden sie in großen Mengen verkauft.

Kuko-Reis, Tempo-Erbsen und -Linsen haben sich ebenfalls auf dem einheitsdeutschen Lebensmittelmarkt behauptet. Wer will, ob sozialistische Hausfrau oder nicht, kann sich damit noch immer das Kochen erleichtern.

Alles rund um die Alge
1984 begann das Institut für Getreideverarbeitung, mit Mikroalgen zu experimentieren. Damals wollte man daraus Gelatine und Dickungsmittel gewinnen. Heute wird auf höchstem wissenschaftlichen Standard danach geforscht, wie mit Algen aus CO2 - haltigen Abgasen Biomasse entstehen kann. Dabei werden Entwicklungen von der Kosmetikindustrie bis zur Krebsforschung gemacht. Für die Spreewaldtherme Burg wurde eine Mikroalge aus den Spreewaldkanälen isoliert und in den Fotobioreaktoren im Institut kultiviert. Daraus wurde eine exklusive Kosmetikserie entwickelt.

Dieser Text stammt aus dem Buch: "Genial - Erfindungen aus Berlin und Brandenburg" von Petra Kabus und Constanze Schröder, erschienen im CULTURCONmedien-Verlag. (www.culturcon.de)